Zwischen Dokumentation und Archiv     H  
   

Zur Quellenüberlieferung bei der friesischen Volksgruppe in Schleswig-Holstein

Von Thomas Steensen

Als der Reiseschriftsteller Johann Georg Kohl in den 1840er Jahren nach Nordfriesland kam, da war er fasziniert von der friesischen Sprache und notierte darüber: "Ich kenne keine Sprache, die Sprachen der kaukasischen Gebirgsvölker vielleicht ausgenommen, welche so viele ganz verschiedene Dialekte hätte." Mit Blick auf unser Thema könnte man dieses Zitat etwa folgendermaßen abwandeln: Ich kenne keine Volksgruppe, die kaukasischen Gebirgsvölker vielleicht ausgenommen, bei der die historischen Quellen über so viele verschiedene Archive verstreut wären - wie die friesische. Als ich vor rund zwei Jahrzehnten Quellenstudien zu meiner Dissertation über die friesische Bewegung Nordfrieslands betrieb, da hatte ich die Freude, mehr als 25 Archive und Dokumentationsstätten in vier europäischen Staaten kennen zu lernen. Wie ist die Vielfalt der Überlieferung und der Archivierung zu erklären?

Wenn es hier um die Quellenüberlieferung bei der friesischen Volksgruppe in Schleswig-Holstein gehen soll, dann ist darunter vor allem die Überlieferung der friesischen Vereinigungen und Personen, die sich für die friesische Sprache und Kultur eingesetzt haben, zu verstehen. Das Interesse daran nahm insbesondere in der Zeit der Romantik stark zu. Der erste friesische Verein wurde indes erst 1879 gegründet. In der Regel handelt es sich also um Quellen, die im 19. und 20. Jahrhundert entstanden sind. Es soll in diesem Beitrag  keineswegs ein umfassender Überblick über Archivbestände zur allgemeinen Geschichte Nordfrieslands gegeben werden. Dass diese mit dem Selbstverständnis der friesischen Volksgruppe aufs engste verbunden ist – man denke nur an Themen wie Sturmfluten und Deichbau oder die Seefahrt –, bedarf kaum der Erwähnung. Hier geht es aber um die friesische Sprach- und Kulturbewegung, also nicht um alle Archive von Gemeinden, Kögen usw. usw.

Eine "Archivlandschaft" ist immer auch das Ergebnis der geschichtlichen Entwicklung und ein Spiegelbild der spezifischen Bedingungen in der jeweiligen Region. Nordfriesland war zu keinem Zeitpunkt eine - wie bereits 1828 der Historiker A. L. J. Michelsen formulierte - "politische Gesamtpersönlichkeit". Es gab nie einen nordfriesischen Staat, und eine einheitliche Gebietskörperschaft für alle Teilbereiche – mit Ausnahme der Insel Helgoland – entstand erst 1970. Wenig später wurde sodann das Kreisarchiv Nordfriesland gegründet.

Die Menschen identifizierten sich vor allem mit ihrem nächsten Lebensbereich, und dies galt und gilt insbesondere für die Inseln. Quellen zu den inselfriesischen Bestrebungen werden daher insbesondere in den auf den Inseln entstandenen Archiven und Sammlungen bewahrt. Dies sind auf Sylt das 1908 gegründete Sylter Heimatmuseum in Keitum und das 1947 geschaffene Sylter Archiv in Westerland, auf Föhr das 1908 gegründete Carl-Haeberlin-Friesenmuseum und seit mehreren Jahren die Ferring-Stiftung in Alkersum, auf Amrum neuerdings das Öömrang Archiif in Nebel. Auf der Insel Helgoland hat der Verein zum Wiederaufbau des früheren Helgoländer Nordseemuseums erst kürzlich in einer früheren Hummerbude ein Archiv eingerichtet.

Was die verschiedenen friesischen Vereine auf dem Festland angeht, so befinden sich deren Unterlagen zumeist bei dem Schriftführer oder dem Vorsitzenden. Nur selten wurde es an ein Archiv oder eine Dokumentationsstätte abgegeben. In aller Regel ist das Material nicht verzeichnet, schwer zugänglich und ungesichert.

Nicht erfasst oder verzeichnet sind sehr häufig auch die Nachlässe hervortretender Personen. Einige befinden sich immerhin in Archiven – neben dem Kreisarchiv ist hier vor allem das Landesarchiv zu nennen, etwa mit dem wichtigen Nachlass von Rudolf Muuß (1892-1972) – oder anderen Dokumentationsstätten, etwa im Nordfriesischen Museum Nissenhaus in Husum. Vor allem Unterlagen zur frisistischen Sprachwissenschaft verwahrt die Nordfriesische Wörterbuchstelle an der Universität Kiel. Schriftstücke zu Teilaspekten finden sich in der Staatsbibliothek Århus, Dänemark. Zum Teil umfangreiche Sammlungen liegen in privater Hand.

Die friesischen Bestrebungen wurden von Anbeginn an, d. h. seit etwa 1840, überschattet von dem deutsch-dänischen Gegensatz im Herzogtum Schleswig. In den 1920er Jahren kam es zu einer nationalpolitischen Zweiteilung der friesischen Bewegung in eine deutschgesinnte Richtung und eine "nationalfriesische" Gruppe, die aber mit der dänischen Minderheit zusammenarbeitete. Auch dieser Tatbestand spiegelt sich in der Archivsituation wider. Die Nationalen Friesen gaben ihre Quellenüberlieferung zumeist an die Dansk Centralbibliotek for Sydslesvig in Flensburg ab, und zwar noch in der jüngsten Vergangenheit. Das betrifft etwa die Nachlässe des Vereinsgründers Johannes Oldsen (1894-1958) und seines Nachfolgers Carsten Boysen (1912-1985) ebenso wie die Vereinsunterlagen. Hier wirkten sich die offenbar noch heute empfundene tiefe Verbundenheit mit der dänischen Minderheit und wohl auch Vorbehalte gegen staatliche, von "deutschen Beamten" verwaltete Einrichtungen aus.

Demgegenüber überließ der 1902 gegründete deutschorientierte Nordfriesische Verein für Heimatkunde und Heimatliebe seine Vereinsarchivalien vor Jahren großenteils dem Kreisarchiv Nordfriesland. Im Kreisarchiv befinden sich auch einzelne Nachlässe von Personen, die in unterschiedlichen friesischen Vereinen eine Rolle spielten.

Seit 1965 besteht als, wie es in der Satzung des Trägervereins heißt, "zentrale wissenschaftliche Einrichtung in Nordfriesland für die Pflege, Förderung und Erforschung der friesischen Sprache und Kultur" das Nordfriisk Instituut in Bredstedt. Das Institut unterhält, so führt die Satzung weiter aus, "eine Fachbibliothek, ein Archiv und einen Verlag". Damit liegt es auf der Hand, dass das Institut auch die Funktion eines wissenschaftlich geführten Archivs für die verschiedenen Vereine und Einrichtungen der friesischen Volksgruppe übernimmt. Dies konnte jedoch bis heute nur ansatzweise verwirklicht werden. Neben der beschriebenen kleinräumigen Identifikation spielte dabei die nationalpolitische Zweiteilung eine Rolle. Als dem Streben nach wissenschaftlicher Objektivität verpflichtete Einrichtung war das Institut von Anfang an um eine unabhängige und unparteiische Position bemüht. Diese wurde vielfach nicht verstanden oder missverstanden, so dass das Institut mehrfach in den bis in die 1970er Jahre und zum Teil noch darüber hinaus geführten nationalpolitischen Meinungsstreit geriet. Nicht zuletzt deswegen war zeitweise sogar die Existenz gefährdet. Eine Einrichtung, über die gestritten wird, deren Bestand unsicher erscheint, eignet sich aber in den Augen vieler Menschen kaum als langfristig sicherer Aufbewahrungsort für Archivgut. Erst seit dem Ende der 1980er Jahre kann die heftige nationalpolitische Auseinandersetzung als beendet gelten.

Gemessen an der Aufgabenfülle des Nordfriisk Instituut war und ist dieses personell unzureichend ausgestattet. Es fehlt eine archivisch ausgebildete Fachkraft (und ebenso fehlt eine ausgebildete Kraft für die Bibliothek). Dennoch wird im Bereich der Dokumentation und Archivierung eine recht umfangreiche Arbeit geleistet. Sie sei hier im Hinblick auf die friesischen Vereine, die friesischen Bestrebungen und die friesische Sprache wenigstens kurz umrissen (die umfangreiche Dokumentationsarbeit etwa zur Übersee-Auswanderung aus Nordfriesland oder zur Landwirtschaftsgeschichte Schleswig-Holsteins gehört also nicht in diesen Rahmen):

– Das Institut strebt eine möglichst vollständige Sammlung aller Druckwerke über Nordfriesland an. Dabei wird besonderer Wert auf Veröffentlichungen von den und über die friesischen Vereinigungen gelegt.

– Besonders umfangreich ist die grundsätzlich zu allen Themenbereichen Nordfrieslands geführte Zeitungsausschnittsammlung. Einen Schwerpunkt bildet auch hier die friesische Bewegung. Systematisch ausgewertet werden sieben Tageszeitungen, darunter eine aus Ost- und eine aus Westfriesland, außerdem Wochenblätter, Zeitschriften und wenn immer möglich überregionale Presseorgane.

– Das Bemühen um Vollständigkeit richtet sich insbesondere auf alle Publikationen in nordfriesischer Sprache, sei es in Büchern, Zeitschriften oder Zeitungen. Darüber wird jährlich ein Verzeichnis im Nordfriesischen Jahrbuch veröffentlicht.

– Die Dokumentation umfasst auch den audiovisuellen Bereich, insbesondere wieder im Hinblick auf die friesischen Vereinigungen und die nordfriesische Sprache. So verfügt das Institut über ältere Tonbandaufnahmen der friesischen Sprache, die im Zuge früherer Sprachforschungen entstanden (viele weitere befinden sich in der Nordfriesischen Wörterbuchstelle der Universität Kiel und in Privatbesitz), und über Mitschnitte friesischer Veranstaltungen, außerdem über zahlreiche Schallplatten, Audio- und Videocassetten, CDs etc. Radio- und Fernsehbeiträge über die friesischen Vereinigungen und in friesischer Sprache werden dokumentiert, soweit dies personell und technisch möglich ist. 

– Die bisher nur unzureichend geordnete Bildersammlung des Instituts bezieht sich grundsätzlich auf alle Themenbereiche. Auch hier liegt ein Schwerpunkt auf den friesischen Bestrebungen. Mit Hilfe der in Bredstedt ansässigen Schwerbehinderteneinrichtung "Haus am Mühlenteich" werden die Bilder zur Zeit digitalisiert.

– Das Institut sammelt Archivalien aus den friesischen Vereinen sowie natürlich auch die des eigenen Trägervereins. Es verwahrt und verzeichnet Nachlässe von Personen aus der friesischen Bewegung und der nordfriesischen Heimatforschung. Genannt seien etwa Nis Albrecht Johannsen d. Ä. (1855-1935), Nis Albrecht Johannsen d. J. (1888-1967), Christian Jensen (1857-1936), Dr. Ernst Obsen George (1894-1970) oder Hermann Schmidt (1903-1979); der Nachlass dieses Sylter Sprachpflegers spiegelt auch die stark zergliederte und nicht befriedigende Archivsituation in Nordfriesland wider, denn er wurde nach dem Tod Schmidts auf drei Einrichtungen verteilt.

– Das Institut verfügt über eine umfangreiche Dokumentation mit Kopien und Exzerpten zur Entwicklung der friesischen Bewegung vor allem vor 1945 aus rund 25 Archiven etc. Sie sind nach dem Pertinenzprinzip und chronologisch geordnet. Es handelt sich dabei um die vom Verfasser während der Arbeit an seiner Dissertation gesammelten Materialien.

Über alle Bereiche der Archivierung und der Dokumentation legt das Institut in seinen jährlich veröffentlichten Arbeitsberichten Rechenschaft ab. Ein auf dem neuesten Stand befindliches Verzeichnis des Archivbestands erscheint nun im Nordfriesischen Jahrbuch und zugleich im Internet.

Ein Vergleich mit der Situation der beiden nationalen Minderheiten im deutsch-dänischen Grenzland, die beide über wissenschaftlich in vorbildlicher Weise geführte Archive verfügen, lenkt die Aufmerksamkeit auf drei Problembereiche, die teilweise bereits angeführt wurden:

– die heterogene Zusammensetzung der friesischen Volksgruppe. Hier ist auf die starke lokale Bindung vieler Menschen und die fortbestehende organisatorische Trennung hinzuweisen.

– die lange Zeit unsichere Stellung der friesischen Volksgruppe. Erst in der Landesverfassung von 1990 wurde ihr ein "Anspruch auf Schutz und Förderung" zugesichert. Damit eng zusammen hängt

– die lange Zeit und im Grunde heute noch bestehende mangelhafte finanzielle und personelle Ausstattung. Im Unterschied zu den beiden nationalen Minderheiten werden die Friesen auch nicht von einem benachbarten Staatsvolk unterstützt.

Ein Blick zu dem in einer ähnlichen Situation befindlichen Volk der Sorben erscheint angebracht. Hier besteht als Abteilung des Sorbischen Instituts in Bautzen seit Jahrzehnten das Sorbische Kulturarchiv. Es sammelt die Quellenüberlieferung der sorbischen Institutionen und Vereinigungen, Nachlässe etc. und betreibt außerdem eine umfassende Dokumentation. Neben dem Leiter von Bibliothek und Archiv sind in diesem Bereich drei Archivarinnen tätig.

Ein selbständiges Dokumentationszentrum, verbunden mit einem Literaturmuseum, unterhalten die Westfriesen in den Niederlanden, mit denen die Nordfriesen Schleswig-Holsteins in recht enger Verbindung stehen. Im Frysk Letterkundich Museum en Dokumintaasjesintrum in Ljouwert/Leeuwarden sind etwa zehn Fachkräfte tätig.

Welche Schlussfolgerungen können gezogen werden?

– Das Bewusstsein für den Wert der Quellenüberlieferung der nordfriesischen Volksgruppe sollte weiter geschärft werden.

– Bei aller Rücksichtnahme auf gewachsene Strukturen und die nordfriesische Heterogenität sollte sich eine Einrichtung auch als Archiv für die friesische Volksgruppe verstehen. Hierfür kommt, auch im Hinblick auf eine wünschenswerte Symbiose mit der Forschung, wohl am ehesten das Nordfriisk Instituut in Betracht. Dabei ist eine enge Zusammenarbeit und Abstimmung mit dem Kreisarchiv Nordfriesland, dem Landesarchiv Schleswig-Holstein und der Dansk Centralbibliotek for Sydslesvig, Studieafdeling, unerlässlich.

– Sinnvoll wäre ein Verzeichnis aller auf die nordfriesische Bewegung und die nordfriesische Sprache bezogenen Archivalien (was Texte in friesischer Sprache angeht, so liegen für die Zeit bis 1969 bereits Findbücher vor, ausgenommen die Dialekte von Sylt und Helgoland). Ob auf dieser Grundlage eine "Flurbereinigung" unter den bestehenden Einrichtungen vorgenommen werden sollte, müsste sodann geprüft und besprochen werden. Wichtig wäre in jedem Fall eine genaue Abgrenzung der jeweiligen Sammelgebiete für die Zukunft.

– Die meisten lokalen Sammlungen und Archive in Nordfriesland verfügen nicht über veröffentlichte Bestandsverzeichnisse. Erstrebenswert wäre u. U. ein Gesamtrepertorium für Nordfriesland.