F.A.Qs. zur Geschichte Nordfrieslands     H  
 

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An dieser Stelle können Sie die Antworten auf einige der am häufigsten gestellten Fragen rund um Nordfrieslands Geschichte und Kultur erfahren. Die Basics für die Inhalte auf dieser Seite liefert die kleine Broschüre "Wer sind die Friesen" von Thomas Steensen (s. rechte Spalte). Es ist aber beabsichtigt, die Rubrik fortwährend um interessante Aspekte aus dem laufenden Projekt "Nordfriesisches Lexikon" zu ergänzen.

Frage: Seit wann gibt es überhaupt Friesen?

Antwort: Das wissen wir nicht genau. Wir wissen nur, dass sie wohl seit eh und je an der südlichen Nordseeküste gewohnt haben. Vom ersten Auftritt der Friesen im europäischen Volkstheater erfahren wir von römischen Autoren wie Plinius und Tacitus, die vor ziemlich genau 2000 Jahren vom Volk der Frisii berichteten. Möglicherweise handelte es sich bei diesen Stamm um ein ursprünglich nicht germanisches Volk, dass aber von den eindringenden Germanen zum großen Teil assimiliert worden ist. Es entbehrt daher nicht der Ironie, dass ausgerechnet die Friesen in der Vergangenheit gelegentlich zu Edelgermanen hochstilisiert worden sind. Weltruf (d.h. natürlich in der damals bekannten) erlangten die Friesen vor allem als seefahrende Kaufleute; die Nordsee wurde noch im Hochmittalalter Mare frisicum genannt: Friesisches Meer. Erst die Hanse lief den Friesen den Rang ab. Zuvor schon, anno 754, ließen Friesen die christliche Welt erschaudern, als sie bei Dokkum in Westfriesland den Missionar Bonifatius erschlugen.

Frage: Wo leben die Friesen heute?

Antwort: Die meisten, nämlich etwa eine halbe Million, leben in der Provinz Friesland der Niederlande, die wir in Deutschland zumeist Westfriesland nennen, gelegen zwischen der Provinz Groningen und der Zuidersee. Dort sprechen etwa 400000 Menschen friesisch, und die Sprache hat dort als zweite Reichssprache einen Status erreicht, von dem die Nordfriesen allenfalls träumen können. Dann gibt es etwa 350000 Ostfriesen im deutschen Bundesland Niedersachsen, wo die friesische Sprache allerdings schon lange ausgestorben ist. Niederdeutsch auf einer friesischen Grundschicht - auf friesischem Substrat, wie die Sprachwissenschaft es nennt - ist dort die Volkssprache. Das eigentliche Ostfriesisch wird paradoxerweise nur noch außerhalb Ostfrieslands gesprochen, nämlich von rund 1500 Menschen im oldenburgischen Saterland südöstlich von Leer. Und weit im Norden im Bundesland Schleswig-Holstein leben sodann eben 50000 Nordfriesen, deren heutiges Wohngebiet aus sechs Inseln und zehn Halligen sowie einem Küstenstreifen auf dem Festland zwischen dem Fluß Eider und dem Flüßchen Wiedau an der heutigen deutsch-dänischen Grenze besteht. Ich habe übrigens richtig gezählt: Es sind sechs Inseln, denn auch Helgoland, obwohl zum Kreis Pinneberg gehörig, ist sprachlich und historisch zu Nordfriesland zu rechnen. Ansonsten gibt es Friesen natürlich all over the world. In zwei Städten dieser Welt, so wird manchmal gesagt, leben mehr Föhringer als im größten Ort auf Föhr: in Petaluma, Kalifornien, und in New York, an dessen Gründung übrigens auch Friesen beteiligt waren.

Frage: Seit wann gibt es N o r d friesen

Antwort: Sprachwissenschaftler, Namenforscher, Historiker, Archäologen haben in einer Koproduktion herausgefunden, daß die ersten Friesen im siebten, achten Jahrhundert in das damals fast unbewohnte Gebiet eingewandert sind, das zunächst "Klein Friesland" und "Utland" genannt wurde und für das sich später der Name Nordfriesland einbürgerte. Um 700 wurden vor allem die Inseln Sylt, Föhr, Amrum, das westliche Eiderstedt und sicherlich auch Helgoland besiedelt, nach neuesten archäologischen Grabungen wohl auch schon siedlungsgünstige Teile der Marsch. In großem Stil besiedelt wurden die weiten Marschgebiete sodann im elften Jahrhundert in einer zweiten Einwanderungswelle. Manches, was die Wissenschaft erforscht, hätte man gar nicht unbedingt wissen wollen. Jeder rechte Nordfriese war natürlich früher - und ist vielleicht auch heute noch - davon überzeugt, daß sein Nordfriesland das eigentliche Friesland und das Ursprungsland aller Friesen sei. Sein Werk "Nordfriesland im Mittelalter" konnte der Historiker A.L.J. Michelsen 1828 mit diesem klaren Satz beginnen: "Die Westseite des Landes, welches nunmehr fast ein halbes Jahrtausend das Herzogtum Schleswig genannt wird, bewohnen von Uralters her die Friesen, die sich für so alt auf ihrem Boden halten wie diesen selber." Vielleicht gelingt es ja doch noch einmal einem Nordfriesen, die uralte Streitfrage von der Herkunft seiner ältesten Vorfahren "richtig" zu erforschen... Bis dahin allerdings gilt das Verdikt der Wissenschaft: Die Nordfriesen sind hier eingewandert. Sie haben an ihrer "fremden" Kultur festgehalten, so daß sie heute als "bodenständig" gilt.

Frage: Wie groß war, wie groß ist Nordfriesland?

Antwort: Die Frage hört sich einfach an. Aber so leicht ist sie denn doch nicht zu beantworten. Eines ist klar: Der Kreis Nordfriesland umfaßt gut 2000 Quadratkilometer - und gehört im übrigen mit 73 Einwohnern je Quadratkilometer zu den am dünnsten besiedelten Regionen in ganz Deutschland. Aber der friesische Siedlungsraum ist ungefähr ein Drittel kleiner als der heutige Kreis Nordfriesland. Andererseits war das friesische Siedlungsgebiet zur See hin früher viel größer. Die heutigen Wattflächen wurden großenteils einst von Friesen bewohnt und bewirtschaftet, waren ein Teil Nordfrieslands und sind es ja letztlich auch heute noch. Sie gehören seit 1985 zum Nationalpark Wattenmeer und umfassen immerhin noch einmal gut 1000 Quadratkilometer. Durch die Jahrhunderte hat sich die Größe Nordfrieslands im ständigen Wechsel von Landgewinn und Landverlust immer wieder verändert. Dieser Prozeß ist heute weitgehend zum Stillstand gekommen. Landgewinn im großen Stil wird aus ökologischen Gründen nicht mehr betrieben. Und die Nordsee verwandelt kaum noch Land in Watt. Fragt sich angesichts des steigenden Meeresspiegels nur, wie lange das so bleiben wird?

Gott schuf das Meer - schuf der Friese die Küste?

Antwort: Die Friesen gelten als die Deichbauer und Küstenschützer schlechthin. Als sie sich nach Nordfriesland ausbreiteten, machten sie auch dieses amphibische Gebiet durch die Anlage von Deichen zu einer blühenden Landschaft. - So las man es vielfach, ganz so stimmt es jedoch nicht. Neue archäologische Untersuchungen haben ergeben, daß die ältesten, noch sehr niedrigen Deiche erst um 1100 errichtet wurden. Erst zu diesem Zeitpunkt war das nötig, weil der Meeresspiegel inzwischen angestiegen war. Im Laufe der Jahrhunderte entstand an der Nordseeküste ein geradezu monumentales Bauwerk, das nach den Worten des Archäologen Hans Joachim Kühn nach Größe und Arbeitsleistung in ganz Nordeuropa und darüber hinaus seinesgleichen sucht. Ein Vergleich mit der chinesischen Mauer wäre vermessen, doch allein in Nordfriesland ergeben die Deiche in ihren verschiedenen Linien einen Erdwall von an die 1000 Kilometern Länge! Daß dies die Leistung der Friesen war, gehört natürlich zum friesischen Weltbild jedes rechten Friesen. Storms "Schimmelreiter", der geradezu zum "Nationalepos" der Nordfriesen wurde, hat wesentlich dazu beigetragen. Dieses friesische Geschichtsbild soll auch nicht in das Reich der Mythologie verwiesen werden, doch sind Differenzierungen angebracht. Denn die Initiative zu Deichbauten ging schon recht früh auf meist nicht-friesische kapitalkräftige Unternehmer, nicht selten aus den Niederlanden kommend, und zunehmend auch auf den Staat über. Die Auseinandersetzung mit der Nordsee ist ein Grundthema der friesischen Geschichte, wohl das friesische Thema schlechthin, das alle Lebensbereiche mitbestimmt hat. Die beiden wichtigsten Geschichtsdaten für Nordfriesland sind nicht die kriegerischer Schlachten, sondern die der großen "Mandränken": die Sturmflut von 1362, als der sagenumwobene Handelsort Rungholt zu bestehen aufhörte, und die Flut von 1634, in der die große Insel Strand, ein Kerngebiet Nordfrieslands, zerrissen wurde. Sie gehören zu den großen Naturkatastrophen der europäischen Geschichte.

Wovon lebten die Nordfriesen?

Antwort: Vor allem von Ackerbau und Viehzucht. Bis an die Schwelle unserer Gegenwart heran ist die Landwirtschaft die wichtigste, grundlegende Erwerbsquelle der Friesen gewesen, und auch heute noch werden im Kreis Nordfriesland 80 Prozent der Fläche landwirtschaftlich genutzt. Die Krise in der Landwirtschaft, der Strukturwandel der jüngsten Zeit waren und sind für Nordfriesland von wahrhaft epochaler Bedeutung. Kaum irgendwo anders sind die Böden so fruchtbar wie in der friesischen Marsch. Kaum irgendwo ist die Welt so grün und so flach wie in Friesland; der höchste nordfriesische "Berg" mißt 4400 Zentimeter. Ihre durch Deiche geschützten Köge haben vielen Nordfriesen in Zeiten landwirtschaftlicher Konjunkturen Wohlstand beschert. Die stolzen Marschhöfe etwa in Eiderstedt zeugen noch davon. Ihre nicht weniger stolzen Bewohner bildeten durchaus so etwas wie eine Bauernaristokratie - mit erheblichem Selbstbewußtsein und Unabhängigkeitssinn, manchmal auch mit akademischer Bildung. Die Landwirtschaft stand vor allem in den friesischen Marschgebieten in Blüte. Auf den Geestinseln Amrum, Föhr, Sylt und dem dänischsprachigen Röm sowie auf den Halligen dagegen war es die Seefahrt, die zeitweise für Wohlstand sorgte. Im 17. und 18. Jahrhundert erlebten die Inselfriesen durch die Walfangfahrt nach Spitzbergen ihr "goldenes Zeitalter". Nach deren Niedergang brachen schlechte Jahre an. Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts suchten Tausende auf der anderen Seite des "großen Teiches" in Amerika eine neue Heimat. Erst die Entdeckung der Meeresküste als Erholungslandschaft brachte neuen Wohlstand auf die Inseln. Der Berliner liberale Schriftsteller Theodor Mügge legte in seinem 1851 erschienenen Roman "Der Vogt von Sylt" dem dänischen Kronprinzen diesen prophetisch anmutenden Satz in den Mund: "Legt Seebäder an, und eure Möwen und Seeschwalben werden goldene Flügel bekommen!" Heute ergießen sich Sommer für Sommer und längst auch schon zu anderen Jahreszeiten geradezu sintflutartig Touristenschwemmen über die nordfriesischen Inseln und mehr und mehr auch über das Festland. Rund eine Million Touristen und zehn Millionen Übernachtungen werden jährlich gezählt. Angesichts der Schattenseiten des Massentourismus wünscht sich mancher Friese sicherlich, daß nur halb so viele "Touris" kommen - wenn sie nur doppelt soviel Geld dalassen. Im Hinblick auf diesen Zustrom, den großen Zweithaus- und Fremdbesitz in den Fremdenverkehrsgebieten und zunehmend auch darüber hinaus könnte man auch die Frage stellen:

Wem gehört Nordfriesland?

Und die Antwort lautet: In manchen Gegenden gehört Nordfriesland heute nur noch zum kleineren Teil Nordfriesen. In einigen Dörfern bleiben die Häuser im Winter großenteils dunkel. Überhaupt wird in Nordfriesland - und sicherlich nicht nur hier - heute vieles von außen bestimmt. Die Erzeugnisse der Landwirtschaft zum Beispiel werden vorzugsweise außerhalb verarbeitet. Die größte Meierei weit und breit etwa produziert ihre "Nordfriesland-Milch" nicht in Nordfriesland, sondern in der Nähe von Flensburg.

Was war, was ist das Besondere an der friesischen Kultur?

Antwort: Was war, was ist das Besondere an der friesischen Kultur? Vielleicht läßt sich diese Frage mit einem Paradox beantworten: Das Besondere an der friesischen Kultur besteht darin, daß es "die" friesische Kultur nicht gibt. Was wir in Nordfriesland vorfinden, ist vielmehr eine kulturelle Mannigfaltigkeit, die ihresgleichen sucht. Ohnehin ist nicht graue Einheitlichkeit und Uniformität, sondern bunte Vielfalt ein kennzeichnendes Merkmal für Nordfriesland. Das gilt für die Kunst und Kultur im engeren Sinne, es gilt aber genauso für Geschichte, Bauweise der Häuser, Sprache, Natur und Landschaft. Ein schönes Beispiel aus dem religiösen Bereich: In dem 1621 gegründeten, von Niederländern besiedelten Friedrichstadt, wiewohl außerhalb des friesischen Siedlungsgebiets im engeren Sinne belegen, lebten jahrhundertelang Menschen verschiedener Konfessionen friedlich miteinander. Remonstranten, Lutheraner, Mennoniten, Katholiken, Quäker, Juden - bis die Nationalsozialisten die jüdische Gemeinde zerstörten. Trotz aller Vielfalt (oder gerade deshalb) tritt unter den "landschaftlich gesonderten volkstümlichen Kulturen Schleswig-Holsteins" die Kultur Nordfrieslands als "die eigenartigste und selbständigste" hervor, erkannte der Kunst- und Kulturhistoriker Ernst Schlee. Er beschreibt die nordfriesische Kultur als voll von scheinbaren Widersprüchen: "Wer in Häusern Nordfrieslands zu Hause ist, namentlich in Häusern der Inseln, dem ist die eigenartige Mischung ganz verschiedener Denk- und Empfindungsformen im Wesen der Menschen vertraut: Verharren im Überkommenen vereinigt sich mit Erfahrenheit in der Welt, Befangenheit in einer eng gewordenen Sitte bis zur starren Kleinlichkeit ist einer überlegenen, fast urbanen Vornehmheit benachbart. Der Kulturhistoriker stellt fest: Bei aller Entlegenheit des Landes und eben besonders der Inseln abseits der großen Straßen und Städte zeigt sich immer wieder eine überraschende Aufgeschlossenheit für Neues und Fernstes." Diese scheinbaren Gegensätze erklärt Schlee damit, daß immer wieder "die Verbindung über See Kontakte mit fernen Kulturen" ermöglichte, "während im Lande selbst eine stete Überlieferung von überkommenem Formengut fortgetragen wurde". Verwurzelung in der kleinen Welt, Offenheit für die große Welt - so könnte man dieses Doppelgesicht beschreiben. Eine Volkskunde der Nordfriesen, die dieser bedeutsamen Zweiseitigkeit gerecht würde, vermißte Ernst Schlee schon vor drei Jahrzehnten - sie fehlt leider noch heute. Besonders an Nordfriesland sind zum Beispiel die überkommenen Hausformen, die überlieferten Volkstrachten - vor allem auf Föhr und Amrum -, manche Sitten und Gebräuche, man denke nur an das nordfriesische "Nationalfest", das Biikebrennen. Aber diese regionalen Eigentümlichkeiten sind eben auch im entlegenen Nordfriesland heute Besonderheiten, also nicht die Regel. Das friesische Gericht Weinsuppe und Schinken etwa ist die Ausnahme, Hamburger, Currywurst und ähnliches wohl eher die Regel. Boßeln und Ringreiten haben deutlich weniger Anhänger als Fußball oder Tennis. Und auch in Nordfriesland heißen Jungen häufiger Kevin und Dennis als Melf oder Nahne. Aber als Gegenbewegung zur großen Gleichmacherei finden die regionalen Besonderheiten neuen Anklang. Beim Bauen und Renovieren wird wieder mehr auf Landschaftstypisches geachtet - die Interessengemeinschaft Baupflege des Nordfriesischen Instituts hat sich hier große Verdienste erworben -, Trachten- und Volkstanzgruppen haben beträchtlichen Zulauf, mancherorts werden sogar ausgestorbene Trachten rekonstruiert, das Biikebrennen breitete sich auf dem nordfriesischen Festland in den letzten 20 Jahren geradezu wie ein Lauffeuer aus, und in den Geburtsanzeigen liest man zunehmend friesische Namen wie Thede oder Momme, Keike oder Levke. Die größte kulturelle Besonderheit, zugleich das wichtigste Identitätsmerkmal der Nordfriesen überhaupt ist natürlich die eigene Sprache.

Ist Friesisch eine eigene Sprache?

Antwort: Diese Frage ist keine Frage. Mag es auch mehrere verschiedene nordfriesische Dialekte geben, gehört auch die Einigkeit nicht unbedingt zu den hervorstechenden nordfriesischen Eigenschaften - darin sind sich die Nordfriesen einig, daß sie kraft ihrer eigenen Sprache etwas anderes sind als ihre Nachbarn. Diesen Abstand zwischen dem Nordfriesischen und anderen Sprachen illustriert überzeugend eine von Ommo Wilts aufgezeichnete Episode. In einem Hamburger Lokal war es Sitte, jedem ausländischen Gast die Fahne seines Landes auf den Tisch zu stellen. Ein Ehepaar von Sylt, das nur Sölring miteinander sprach, hatte kaum Platz genommen, als der Tisch auch schon mit dem Union Jack geschmückt wurde. Nach der Bestellung tauschte der irritierte Kellner die britische gegen die dänische Flagge aus. Während des Essens wurden dann insgesamt fünfmal die Flaggen gewechselt; zum Schluß war angeblich die polnische an der Reihe. Und erst neulich war in einem Reisebericht in der Süddeutschen Zeitung zu lesen: "Etliche Helgoländer sprechen altfriesisch, was ein bißchen wie chinesisch klingt und auf der Grundschule gelehrt wird. Lung wai heißt beispielsweise langer Weg."

Was war, was ist typisch friesisch?

Antwort: An Klischees über die Friesen herrscht kein Mangel. Was durch die Jahrhunderte tradiert wurde, lebt vielfach noch heute. "Dies ist ein Freisams Volck, der Waffen geübt, starck und geraden Leibs, sichers und unerschröckenlichs Gemüts... Der Fries begert nit unwillig des Tods umb die Freiheit." So charakterisiert die "Schedel'sche Weltchronik" 1493, ein Jahr nach der Entdeckung Amerikas, die Friesen. Daraus wurde dann der nordfriesische Schlachtruf: Liiwer düüdj as slååw! Lieber tot als Sklave. Etwas freier könnte man - mit Jakob Tholund - auch übersetzen: Lieber tot als Steuern zahlen. In der Tat - das dürfte ein Grundzug der friesischen Geschichte gewesen sein. Im übrigen weckt das stolze und oft mißbrauchte Wort aber kaum zutreffende Gedankenverbindungen. Denn ein roter Faden in der nordfriesischen Geschichte war wohl viel eher eine immer wieder neue Anpassung an neue Herausforderungen als ein starres Beharren um jeden Preis. Den meisten ist auch der andere nordfriesische Wahlspruch geläufig: Rüm hart - klaar kiming. Dieses den weltgewandten inselfriesischen Seefahrern zugeschriebene Wort heißt nicht, wie vielfach zu hören, "reines Herz", sondern: "Weites Herz - klarer Horizont". "Typisch friesisch" ist "natürlich" das Aussehen der Friesen. Julius Rodenberg etwa, zu seiner Zeit einer der bekanntesten Journalisten in Deutschland, bemerkte 1861 in seinem Buch "Stilleben auf Sylt": "Es ist merkwürdig, wie sehr diese Leute mit ihren falbblonden Haaren, ihren wasserblauen Augen, ihren starken Knochen und ihrem breiten, täppischen Wesen mich an die Engländer erinnern. Auch ihre Sprache erinnert mich jedesmal an sie." Und Knut Jungbohn Clement, von Amrum stammender Dozent an der Kieler Universität, urteilte in seiner 1845 erschienenen "Lebens- und Leidensgeschichte der Frisen, insbesondere der Frisen nördlich von der Elbe": "Bei allen Frisen - das fremde Gemisch ausgenommen - sind die himmelblauen Augen, das blonde Haar, die Wohlgestalt und vor Allem die schiere Farbe charakteristisch. Sie haben im Durchschnitt einen scharfen Blick und ernste Züge. Im Ganzen genommen ist etwas Edles und Reines im frisischen Angesicht. Häßliche Nasen gibt es bei den Frisen fast gar nicht...".

Gab es einen friesischen Staat?

Antwort: Friesen und Staat - das hat ein bißchen von Feuer und Wasser. Im Mittelalter gab es zwar staatliche Gebilde im "südfriesischen", also ost- und westfriesischen Bereich. Aber ansonsten wußten die Friesen mit dem Staat, insbesondere mit dem Nationalstaat anscheinend nicht viel anzufangen - und umgekehrt galt das manchmal auch. Eine politische oder auch nur verwaltungsmäßige Einheit gab es zu keinem Zeitpunkt. "Nordfriesland hat es niemals zu einer politischen Gesammtpersönlichkeit bringen können", bemerkte schon A.L.J. Michelsen. Erst vor einem Vierteljahrhundert wurden erstmals alle Teile Nordfrieslands - leider ohne Helgoland - zu einer verwaltungsmäßigen Einheit zusammengefügt; damals, 1970, entstand der Kreis Nordfriesland. Einen nordfriesischen Staat auszurufen, darauf ist kaum ein Nordfriese jemals gekommen - und man muß ihnen das nicht unbedingt als Versagen ankreiden, wenn man sich die Geschichte der Nationalstaaten vor Augen hält. Nur einmal, im Revolutionsjahr 1848, forderte auf dem Bredstedter Marktplatz einer zur Bildung einer nordfriesischen Republik auf. Das war der bereits genannte Harro Harring aus Wobbenbüll. Aber seine Landsleute sahen sich nur verständnislos an. Der Mantel der Weltgeschichte rauschte. Doch anstatt die Welt mit einem nordfriesischen Miniaturstaat in Erstaunen zu versetzen, gingen die Nordfriesen nach Hause. Aber auch Harro Harring verabschiedete sich bald von seinem utopischen Plan. Für ihn war ohnehin die Völkervereinigung das höchste Ideal, wie schon sein Gedicht "Mein Vaterland" von 1835 zeigte:

Mein Vaterland ward mir, wo ich gestritten
Als Mann für Wahrheit, Gleichheit, Freiheit, Recht;
Mein Vaterland ward mir, wo ich gelitten,
Als Mensch fürs arme menschliche Geschlecht.
Mein Vaterland ist mir das Land der Friesen,
Als Teil Germaniens, als Europas Teil!
Für dich, Europa, soll mein Blut einst fließen,
Dem ganzen menschlichen Geschlecht zum Heil!


Seit wann gehört Nordfriesland zu Deutschland?

Antwort: Diese Frage ist einfach zu beantworten: seit dem deutsch-dänischen Krieg von 1864. Damit endete die jahrhundertelange Verbindung mit der dänischen Krone. Im Jahre 1867 wurde dann Schleswig-Holstein und mithin auch Nordfriesland preußische Provinz und gehörte von 1871 an zum Deutschen Reich.

Wer ist Nordfriese?

Antwort: Ein Familienname, der auf -sen endet (Petersen, Gonnsen, Volquardsen usw.), blaue Augen, blonde Haare, eine nicht häßliche Nase - das beweist noch nicht viel. Auch ob einer friesisch spricht, denkt oder träumt, bringt nicht die letzte Sicherheit - vielleicht hat er sich innerlich längst vom Friesischen abgewandt? Viele, die sich als Friesen fühlen, sprechen platt- oder hochdeutsch. Heute kann es nur eine Antwort geben: Friese ist, wer Friese sein will. Jede andere Definition als die nach dem strikten Gesinnungsprinzip führt unweigerlich in Abgründe. In der Verfassung von Schleswig-Holstein ist seit 1990 von der "friesischen Volksgruppe" die Rede. Manchmal ist es ganz gut, daß ein Begriff nicht klar definiert ist. Wohl alle Nordfriesen können damit leben, und niemand will sich mehr darüber streiten. Als Volksgruppe ohne Staat unterscheiden sich die Nordfriesen klar von der dänischen Minderheit in Süd- und der deutschen Minderheit in Nordschleswig. Beide haben ja ein "Muttervolk" im Nachbarstaat, das ihnen auch erhebliche Hilfe leistet. Auf die Nordfriesen trifft das eben nicht zu. Denken wir noch einmal an die Episode im Hamburger Restaurant: Eine friesische Nationalflagge hätte der Kellner nicht finden können, wohl aber regionale Flaggen - für Nordfriesland Gold-Rot-Blau. In europäischer Perspektive sind die Nordfriesen in dieser Beziehung vergleichbar zum Beispiel mit den Bretonen in Frankreich, den Samen ("Lappen") in Nordskandinavien - und natürlich mit den Sorben im Südosten Deutschlands. An der europäischen Zusammenarbeit der Minderheiten und Volksgruppen, die zusammengenommen ja quantitativ eine Großmacht von -zig Millionen Menschen bilden könnten, beteiligen sich die Nordfriesen schon seit Jahrzehnten.

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 


   



Kurzinfo:
27 Fragen und Antworten zur nordfriesischen Geschichte, Sprache und Kultur;
v. Thomas Steensen
Hrsg. vom Nordfriisk Instituut
17 x 24 cm, 32 Seiten, ca. 25 Abbildungen, Geheftete Broschüre
3,- €